Fußballtraining

„Ich will, dass von mir was bleibt“

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Klare Ansagen: Robyn-Samira Kopaczel kann keine Übungen vormachen – umso wichtiger sind gute Erklärungen.

Robyn-Samira Kopaczel ist schwer an Multipler Sklerose erkrankt und sitzt im Rollstuhl. Das hält die 43-jährige Heusenstammerin nicht davon ab, bei der TSG Neu-Isenburg zwei Mädchen-Fußballteams zu trainieren. Anfangs hatte sie jedoch mit großen Ressentiments zu kämpfen. 

Neu-Isenburg – Das Wort von Robyn-Samira Kopaczel hat Gewicht. Laut und markig schallt ihre Stimme über den Kunstrasenplatz der TSG Neu-Isenburg. „Bewegen, komm, auf!“ - „Schnellere Richtungswechsel!“ - „Kein Kaffeeklatsch! Trinken und dann geht’s weiter!“ Die jungen Fußballerinnen in den grasgrünen Trikots gehorchen aufs Wort. Sie haben gelernt, der Stimme ihrer Trainerin zu vertrauen. Denn Kopaczel, 43, kann keine Übungen vormachen. Sie kann nicht einmal laufen oder stehen. Sie sitzt im Rollstuhl.

Vor sieben Jahren ist sie an einer besonders schweren Form der Multiplen Sklerose (MS) erkrankt. Ihr körperlicher Zustand verschlechtert sich seither fortlaufend, ihre Nerven sind chronisch entzündet, die Lunge funktioniert auch nicht mehr richtig. „Mein Körper“, sagt sie, „zerstört sich selbst.“ Die Krankheit wird irgendwann tödlich enden, das weiß sie. Wann genau, das ist nicht abzuschätzen. „Ich versuche, nicht allzu viel darüber nachzudenken“, sagt Kopaczel.

„Ich will am Leben sein – und das Leben mitkriegen“

Der Rollstuhl, an den ihre Beine mit zwei Gurten fixiert sind, ist nicht das einzige Auffällige an der Heusenstammerin. Die Haare sind stoppelkurz geschoren, die Ohren vielfach gepierct, die Arme großflächig tätowiert: ein Löwe, eine Eule, ein Fußball. Die Mutter von insgesamt zehn Kindern ist eine selbstbewusste Frau, die gelernt hat, sich mit ihrer schwierigen Situation zu arrangieren. „Ich will am Leben sein – und das Leben mitkriegen“, sagt sie. Der Fußball hilft ihr dabei.

Dass sie Trainerin wurde, war alles andere als geplant. Vor ihrer schweren Erkrankung war Kopaczel, die in Washington, D.C. geboren ist und schon in München, Kassel und Eschwege gelebt hat, eine regelrechte Sportskanone. Schwimmen, American Football, Fitness, Joggen – doch mit Fußball hatte sie rein gar nichts am Hut. Bis vor dreieinhalb Jahren ihre Tochter Brianna in der U12 der TSG mit dem Kicken anfing. Bald hörte der Trainer der Mädchenmannschaft auf, kurz darauf auch sein Co-Trainer. Kopaczel, die den beiden ab und an ein wenig unter die Arme gegriffen hatte, sprang ein. „Ich dachte: Gut, wenn keiner da ist, übernehme ich’s, bis jemand Neues kommt.“

Alle für einen: Die TSG-Kids lieben ihre Trainerin. 

Aus der Not- wurde eine Dauerlösung. Dabei hatte die Fußballtrainerin im Rollstuhl anfangs mit üblen Anfeindungen zu kämpfen. „Es gab hier richtig Terror“, erzählt sie. Einige Eltern hätten ihre Kinder regelrecht gegen die Übungsleiterin aufgestachelt. Die jungen Fußballerinnen weigerten sich mit verschränkten Armen, Kopaczels Anweisungen zu befolgen. „Es hieß: Wir bezahlen hier doch Geld, und dann werden unsere Kinder von einem Krüppel trainiert.“ Doch die Abteilungsleiterin stellte sich hinter Kopaczel. „Wir haben dann gesagt: Jeder, der nicht mitmacht, fliegt raus“, erzählt die Trainerin. Das zeigte Wirkung. „Und als die Eltern mein Training gesehen haben, war es irgendwann auch okay.“

Heute leitet sie bei der TSG zwei Mädchen-Mannschaften mit insgesamt fast 50 Kindern an. Auch drei Jungs kicken mit. Abteilungsleiterin für Frauen- und Mädchenfußball ist sie mittlerweile ebenfalls.

Eine gute Trainerin sein 

Auf dem Weg zu mehr Anerkennung hat ihr die Trainer-C-Lizenz geholfen, die sie im August 2018 erlangte. „Ich wollte eine gute Trainerin für die Kinder sein und keinen Schrott verzapfen“, erklärt sie. Einfach war der Lehrgang nicht. „Ich muss wesentlich besser erklären können, ich kann ja nichts vormachen.“ Kopaczel hat sich durchgebissen. Jetzt hofft sie, anderen Trainern mit Behinderung zum Vorbild zu dienen. „Der Rollstuhl muss kein Hindernis sein, wenn man die Theorie beherrscht“, betont sie.

Die gelernte Kfz-Mechanikerin, die an der Neu-Isenburger Goetheschule in der Bücherei und der Hausaufgabenbetreuung arbeitet sowie eine Deutschförderklasse unterrichtet, wird bei der Trainingsarbeit von je drei Co-Trainerinnen pro Mannschaft unterstützt – allesamt Spielerinnen aus höheren TSG-Teams. „Ich bilde sie aus, damit die Mannschaft in guten Händen ist, wenn ich mal aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr kann“, erklärt Kopaczel.

Der Gedanke, dass es vielleicht schon bald vorbei sein könnte, er bleibt im Hinterkopf. Doch Kopaczel verdrängt ihn, so gut es eben geht. In der Zeit, die sie noch hat, wolle sie „Fußspuren“ hinterlassen. „Ich will, dass von mir was bleibt.“ Deswegen ist ihr beim Training eine menschliche Komponente wichtig. „Nur rumbrüllen, davon halte ich nichts.“ Auf dem Übungsfeld gibt es von der Trainerin nicht nur scharfe Kommandos zu hören, sondern auch viel Lob. „Ich find’s klasse, dass du dich getraut hast, mit dem schwachen Fuß zu schießen“, ruft sie beim Torabschlusstraining. Ab und zu gibt es auch eine kurze Kuscheleinheit für die Kleinsten.

„Wenn sie erwachsen sind und an die Zeit hier zurückdenken, wird mich das am Leben halten. Auch, wenn ich nicht mehr da bin“, glaubt Robyn-Samira Kopaczel. „Das ist ein schönes Gefühl.“

VON MANUEL SCHUBERT

Quelle: op-online.de

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