Vorfall in Großauheim

Schiedsrichter leiden unter Verfall der Sitten

Offenbach - Wie viel muss man sich als Schiedsrichter im Fußball gefallen lassen? Zwei Unparteiische aus dem Kreis Hanau sahen nun eine Grenze überschritten und haben auf ungewöhnliche Weise reagiert. Von Christian Düncher 

Dafür gibt es einigen Zuspruch, zumal viele längst den nötigen Respekt im Umgang mit den Referees vermissen.

Es ist ein beispielloser Fall, der Wellen schlägt, wie der stellvertretende Schiedsrichterobmann des Fußballkreises Hanau, Philipp Götzl-Mamba, betont. Die Rede ist von der Entscheidung der Unparteiischen Holger Freese (SV Oberdorfelden) und Timo Euler (1. FC Mittelbuchen), die beim Hallenturnier des VfB Großauheim während des Halbfinals zwischen Rot-Weiß Großauheim und der U19 des FC Erlensee den Dienst an der Pfeife quittiert hatten, nachdem sie mehrfach von Zuschauern beleidigt wurden. „Der Bericht steht noch aus“, erklärt Götzl-Mamba, der sich daher nicht näher zu dem Fall äußern will. Dieser sei aber „einzigartig“, stellt Philipp Götzl-Mamba klar. Es habe zwar immer wieder mal „Problemspiele“ gegeben. Daran, dass ein Turnier von den Unparteiischen abgebrochen wurde, kann er sich jedoch nicht erinnern.

Volker Geupel geht es genauso. „Ich bin 40 Jahre im Fußball aktiv, aber so etwas habe ich noch nie gehört“, betont der Schiedsrichterobmann des Kreises Offenbach. „Ich kenne jedoch keine Details, habe nur den Artikel in der Offenbach-Post gelesen. Es muss aber massiv gewesen sein, sonst hätten die Kollegen nicht so reagiert. Beide sind ja schon älter und haben daher eigentlich ein dickes Fell.“ Freese, der besagtes Halbfinale geleitet hatte, sagte nur, dass die Entscheidung „notwendig“ war, wollte aber darüber hinaus „keine Auskunft“ geben. Einem Augenzeugen zufolge war die Stimmung in der Halle schon vorher aggressiv. Als ein Zuschauer an die Bande stürmte und Freese „Nase an Nase“ übel beleidigte, habe dieser genug gehabt.

Geupel wundert das nicht. „Der Respekt nimmt immer mehr ab“, hat er festgestellt. „Beleidigungen gab es beim Fußball leider schon immer. Aber heute findet das auch auf Facebook und Twitter statt. Das macht es für uns nicht einfacher, Nachwuchs zu finden. In Offenbach und Frankfurt leben wir noch auf einer Insel der Glücksseeligen. Aber in anderen Bezirken werden die angebotenen Neulingslehrgänge oft abgesagt, weil sich dafür nicht genug Leute interessieren.“ Der Grund dafür ist laut Greupel ein Sittenverfall. „Auch körperliche Angriffe nehmen zu. Die Leute glauben, sie seien in einem rechtsfreien Raum, attackieren die Schiedsrichter, weil sie bei einer Elfmeter- oder Abseitsentscheidung einen Fehler gemacht haben. Aber wie oft machen Spieler Fehler, treffen – wie am Wochenende in der 1. Liga – das leere Tor nicht?“

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Die Reaktionen auf op-online sind eindeutig. Der User „Rickdiver“ findet die Entscheidung der zwei Schiedsrichter „sehr gut“, bedauert aber, dass ein Unparteiischer des VfB Großauheim einsprang: „Es wäre eine schöne Erfahrung für die Zuschauer gewesen, zu sehen, dass es ohne Schiri nicht geht.“ Auch der User „Holger Jeuck“ verteidigt das Vorgehen der Referees: „Respekt! Richtige Entscheidung - und sicherlich schon längst überfällig.“

Das Problem ist kein Einzelfall. So hat der Landessportbund Hessen für Donnerstag (18.30 Uhr) zu einer Diskussionsveranstaltung eingeladen. In der Mehrzweckhalle in der Otto-Fleck-Schneise in Frankfurt geht es dann um das Thema „(Kein) Respekt vor Schiedsrichtern?“ In diesem Zusammenhang hatte ZDF-Kommentator Oliver Schmidt vergangene Woche via „Bild“ geklagt: „Die schlechten Manieren verderben den Fußball. Aktuell ist das in Europa nirgends so schlimm wie in der Bundesliga. Und jedes Wochenende streben Kinder, übermotivierte Jugendtrainer und Eltern diesen schlechten Vorbildern nach.“ Dabei geht es auch anders. So forderte DFB-Schiriboss Lutz Michael Fröhlich ebenfalls via „Bild“ Rugby-Manieren für die Bundesliga. Denn in dieser Sportart ist Respekt gegenüber den Referees oberstes Gebot.

Immer wieder eskalieren Amateurfußballspiele in der Region und deutschlandweit: Im Dezember erst wurde Alemannia Klein-Auheim für die Attacke eines Spielers bestraft, einige Tage zuvor war ein Spiel in Bayern nach sieben roten Karten und einer Massenschlägerei abgebrochen worden., im Oktober hatten A-Jugendliche in Pfungstadt einen Schiedsrichter mit Schlägen und Tritten angegriffen.

Quelle: op-online.de

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