Jubiläum für Fußball-Schiedsrichter Stieler, Kifle und Vonderschmidt

Zum Einstand den Bruder vom Platz gestellt

Die vollbesetzte Tribüne am Bieberer Berg, zurzeit kaum vorstellbar. Das Schiedsrichtergespann Kai Vonderschmidt, Tobias Stieler und Jonas Weickenmeier (von links) beim Benefizspiel des OFC gegen den FC Bayern zwischen den Torhütern Manuel Neuer und Daniel Endres.
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Die vollbesetzte Tribüne am Bieberer Berg, zurzeit kaum vorstellbar. Das Schiedsrichtergespann Kai Vonderschmidt, Tobias Stieler und Jonas Weickenmeier (von links) beim Benefizspiel des OFC gegen den FC Bayern zwischen den Torhütern Manuel Neuer und Daniel Endres.

Offenbach – Vor 25 Jahren haben sie gemeinsam den Neulingslehrgang der Schiedsrichtervereinigung Offenbach absolviert. Die Karrieren von Tobias Stieler, Kai Vonderschmidt und Tarik Kifle sind unterschiedlich verlaufen; vom FIFA-Schiedsrichter bis zum Unparteiischen auf Bezirksebene. Eine Videokonferenz rund um das Jubiläum gemeinsam mit dem damaligen Schiedsrichterobmann und heutigen Ansetzer Michael Grieben.

Michael Grieben, fangen wir doch einmal mit einem Urteil von Ihnen an über Tarik Kifle, Tobias Stieler und Kai Vonderschmidt.

Michael Grieben: Alle drei waren oder sind noch ausgezeichnete Schiedsrichter, jeder auf seine Art in seiner jeweiligen Einsatzklasse. Tobias war der Ehrgeizigste. Diese Ernsthaftigkeit, dieser Wille zum Weiterkommen war bei ihm extrem ausgeprägt. Er war in seiner Zeit als Schiedsrichter in den höchsten hessischen Ligen Lehrwart im Kreis, hat sich intensiv mit den Regeln beschäftigt, hat seine Kentnisse perfektioniert. Er hat auch schon in jungen Jahren auf Partys verzichtet, um nach oben zu kommen. Kai und Tarik hatten da schon manchmal andere Prioritäten. Sie haben ihre Spiele trotzdem hervorragend geleitet.

Tarik Kifle: Ich habe zum Beispiel samstags in der Verbandsliga gespielt und sonntags Partien in der Bezirksoberliga gepfiffen. Das war alles prima, aber letztlich habe ich beides nicht zu 100 Prozent gemacht.

Tobias, wann haben Sie gespürt, dass Sie das Zeug dazu haben, auf höchster Ebene Fußballspiele leiten zu können?

Tobias Stieler: Als ich in meinem ersten Jugendspiel als Schiedsrichter in einer Partie des FC Teutonia Hausen meinen Bruder vom Platz gestellt habe (lacht). Die realistische Antwort ist sicher, dass ich ehrgeizig war und viel Glück hatte. Das braucht man. Kai, Tarik und ich waren als Jung-Schiedsrichter etwa gleich gut - aber nur ich habe es ganz nach oben geschafft. Ein Signal, dass mir das gelingen kann, gab es nicht.

Grieben: Mir fällt da eine Partie ein nach deinem doppelten Aufstieg hintereinander in die Hessenliga. Im März 2004 dieses spektakuläre 3:4 des SV Darmstadt 98 gegen Hessen Kassel. Da saßen Rainer Boos als hessischer und Manfred Amerell als Schiedsrichterobmann des Süddeutschen Fußball-Verbandes auf der Tribüne, haben deine überzeugende Leistung gesehen. Ich denke schon, dass das ein Knackpunkt für den weiteren Verlauf war.

Kai und Tarik, wann haben Sie geahnt, dass Tobias Stieler es als Schiedsrichter ziemlich weit bringen wird?

Kifle: Bis zur Hessenliga schaffen es viele gute Schiedsrichter. Tobias hat die Hürde zur Regionalliga genommen, als er noch sehr jung war. Ich habe gehofft, dass er es ganz nach oben schafft, abzusehen war das nicht.

Kai Vonderschmidt: Ich habe es gemerkt, als Tobias Gespannführer war, ich ihm assistiert habe. Er hatte es einfach drauf, war mutig und konsequent in seinen Entscheidungen. Er konnte Situationen erfassen wie kein anderer. Das hat man zuletzt auch wieder in dieser extrem kniffligen und viel diskutierten Szene im DFB-Pokal gesehen, in der Partie Dortmund gegen Paderborn.

Tarik Kifle (links) und Michael Grieben (60), der für die SKG Rumpenheim pfeift.

Borussia Dortmund gegen SC Paderborn! Tobias, Ihre regelkonforme Abseitsentscheidung wurde kritisiert, obwohl sie korrekt war...

Stieler: So ist das eben manchmal. Korrekt entschieden und Kritik - damit kann ich gut umgehen. Mehr gibt es dazu nicht zu sagen.

Kai, Tarik, dann frage ich bei Ihnen weiter. Leiden Sie in solchen Momenten mit?

Vonderschmidt: Jeder, der mit Leib und Seele Schiedsrichter ist, leidet mit. Jeder Schiedsrichter weiß, wie sich der Kollege da fühlt. Tobias hat das mutig und cool gelöst. Ich habe da großen Respekt.

Kifle: Tobias hat genau richtig entschieden, für Außenstehende ist das aber nur schwer zu verstehen, dass das kein Abseits war. Aber so ist diese Regel, wir müssen uns daran halten.

Wann hat man als Schiedsrichter extrem knifflige Partien abgehakt? Wie lange beschäftigt Sie das noch?

Vonderschmidt: Knifflige Szenen kommen immer wieder mal vor, egal in welcher Liga. Wenn einem so etwas samstags passiert, hängt einem das am Wochenende schon nach. Wenn du dann das nächste Spiel hast und wieder alles in normalen Bahnen läuft, ist es weg.

Grieben: Das muss jeder für sich selbst verarbeiten. Da sind Jugend und Oberliga sicher anders zu bewerten als Bundesliga. Wenn du als Schiedsrichter auf Amateurebene knifflige Szenen hattest, überlegst du dir vielleicht, ob du anschließend lieber heim fährst oder doch noch ins Vereinslokal gehst.

Kifle: Wir Schiedsrichter haben eine Selbstreflexion. Von der Bundesliga bis zur Kreisliga. Du überlegst immer, ob du alles richtig gemacht hast. Und damit fahren wir gut.

Haben Sie das Gefühl, dass die Diskussionen auf dem Sportplatz oder im Stadion immer mehr werden, die Schiedsrichter immer mehr bedrängt und zugetextet werden? Oder auch die Schwalben zunehmen?

Kifle: Mich nerven diese extremen Diskussionen, egal in welcher Liga. Jeder Spieler weiß alles besser als der Schiedsrichter.

Vonderschmidt: 99 Prozent aller Spiele haben Bock gemacht. Ich hatte selten Zirkus mit den Spielern oder Trainern. Zugenommen hat die Rudelbildung.

Grieben: Zumindest Schwalben und grobe Fouls sind weniger geworden. Es gibt keine Verteidiger mehr wie Georg Schwarzenbeck oder Bernhard Dietz.

Stieler: Die Schwalben passieren im Profifußball bei den Geisterspielen nicht mehr so oft. Da fehlen Bühne für und Resonanz auf die dritte Rolle. Dank der Videoassistenten wird es Schwalben wie einst von Andreas Möller sowieso nicht mehr geben.

Grieben: Ich denke sogar, dass das Verständnis für die Schiedsrichter im Lockdown zugenommen hat. Die Leute haben in diesen Zeiten, in denen der Amateurfußball wegen der Pandemie brach liegt, viele enge Szenen und knappe Entscheidungen im Fernsehen beobachtet. Es gab viele Diskussionen trotz Videobeweis. Die Leute wissen, dass die Amateur-Schiedsrichter diese Hilfsmittel nicht haben. Jeder weiß, dass es jetzt wichtigeres im Leben gibt als Fußball. Ich rechne mit einer neuen Lockerheit auf den Sportplätzen, wenn es endlich weitergeht.

Vonderschmidt: Ich stimme Michael zwar zu, bleibe aber dabei, dass die Emotionen einfach dazugehören.

Grieben: Aber die Jung-Schiedsrichter werden es einfacher haben als wir zu Anfangszeiten. Wenn sie vernünftig auftreten, werden sie eine gewisse Anerkennung erhalten. Zumal wir jetzt ein Patensystem etabliert haben, bei dem erfahrene Schiedsrichter die Neulinge bei ihren ersten drei Einsätzen begleiten und sie unterstützen.

Kommen wir doch einmal auf die Anfänge zurück vor 25 Jahren. Warum sind Sie damals überhaupt zum Neulingslehrgang angetreten?

Stieler: Kai und ich als Torwart haben damals in der Jugend der SG Rosenhöhe gekickt. Tony Hayes und Andreas Humbert, unsere damaligen Trainer, hatten einen Appell an die Mannschaft gerichtet, dass Schiedsrichter benötigt werden. Wir hatten Lust auf Fußball und haben uns angemeldet.

Vonderschmidt: Das stimmt. Alleine hätte ich das sicher nicht gemacht. Fast die ganze Mannschaft hat sich da angemeldet. Am Ende sind zwei übrig geblieben, und ich kann mit Stolz sagen, dass ich der andere neben Tobias bin.

Kifle: Bei mir in der Straße in Sprendlingen hat in Andreas Varga ein erfahrener Unparteiischer gewohnt. Er hat mich gefragt, ob ich Lust hätte, Schiedsrichter zu werden. Ich habe Fußball gespielt und dachte mir als 15-Jähriger, so kann ich mein Taschengeld weiter aufbessern. Und es hat mir von Anfang an Spaß gemacht.

Gab es keinen Moment, an dem Sie ans Aufhören dachten?

Stieler: Das erste Jahr in der Jugend war schon hart und gewöhnungsbedürftig. Aber aufhören? Nein, das stand nie zur Debatte.

Vonderschmidt: Bei mir auch nicht. Ich hatte Glück und beim ersten Einsatz bei KV Mühlheim gleich Bambinis, Schnupperteam und F-Jugend gepfiffen. Alejandro Soldevilla war KVM-Jugendtrainer und selbst Schiedsrichter. Er wusste um meine Premiere, hat sich super um mich gekümmert. Er hat an diesem Tag geholfen, die Weichen zu stellen. Es ging dann schnell weiter nach oben. Später war ich dann bei ihm im Gespann. Ich bin froh, dass ich immer dabei geblieben bin. Das ist ein mega-geiles Hobby, das prägt.

Kifle: Ich hatte mit Alejandro – ebenso wie mit Michael Grieben oder Hubert Doll – tolle Erlebnisse als Assistent, war zum Beispiel mit Ihnen in der Hessenliga in Bad Vilbel, Klein-Karben. Oder einmal in Mühlhausen in der Thüringen-Liga. Du kommst herum, lernst neue Gegenden, Sportplätze und Menschen kennen. Das war schon richtig gut.

Kai, Sie sprachen von einem Hobby, das prägt. Können Sie das präzisieren?

Vonderschmidt: Mir hat dieses Hobby, bei dem wir auf dem Sportplatz für Recht und Ordnung sorgen, viel Selbstvertrauen gegeben. Das nimmt man unter anderem mit in den Beruf.

Kifle: Man entwickelt sich als Persönlichkeit. Man lernt, Menschen besser einzuschätzen und viel besser mit Kritik umzugehen. Du entwickelst ein Rückgrat, das du in allen Lebensbereichen gebrauchen kannst. Also mich hat die Schiedsrichterei geformt.

Was war das größte Spiel Ihrer Karriere als Schiedsrichter?

Stieler: Bei mir ist das einfach: Das DFB-Pokalfinale 2019 im Berliner Olympiastadion zwischen dem FC Bayern München und RB Leipzig.

Sie haben schon Länderspiele und Champions-League-Partien mit Vereinen wie Real Madrid und Stars wie Cristiano Ronaldo geleitet.

Stieler: Dennoch. Das DFB-Pokalfinale in dieser besonderen Atmosphäre in Berlin bekommt man als Schiedsrichter nur einmal im Leben. Das ist das größte Spiel im deutschen Vereinsfußball. Und das Spiel beim 3:0 der Bayern gegen Leipzig war gut, die Leistung von meinen Assistenten und mir ebenfalls. Es hat alles gepasst.

Tobias, wie würden Sie Ihr Verhältnis zu diesen Stars bezeichnen?

Stieler: Das läuft alles sehr professionell ab. Ich würde es als wertschätzende Distanz bezeichnen.

Kai und Tarik, was waren Ihre größten Spiele?

Vonderschmidt: Ich habe drei Spiele, die unvergessen bleiben. Einmal als Schiedsrichter des Regionalliga-Derbys Wormatia Worms gegen Waldhof Mannheim. Ein 0:3 im Oktober 2013, eine klasse Partie vor knapp 3 000 Zuschauern, in der ich auch mit mir sehr zufrieden war. Dann meine Premiere als Assistent in der 3. Liga bei der Partie Hansa Rostock gegen SV Babelsberg. Da sind wir mit Flugzeug und Bahn angereist , da waren mehr als 10 000 Fans im Stadion. Damals war ich kurze Anreisen mit dem Auto und 100 Zuschauer gewohnt. Und natürlich das Benefizspiel im August 2017 auf dem Bieberer Berg zwischen dem OFC und dem FC Bayern München, bei dem ich Tobias vor 20 000 Zuschauern assistieren durfte.

Kifle: Ich war ja als Schiedsrichter nur bis zur Bezirksoberliga unterwegs, hatte da aber mal ein unglaubliches Erlebnis.

Welches?

Kifle: Mein Assistent hatte seine Fußballschuhe und die Fahnen vergessen, ich die Gelbe und Rote Karte. Das habe ich gemerkt, als ich einen Spieler verwarnen wollte. Da musste ich mir die Karten erst einmal bei meinem Assistenten leihen. Das war schon eine starke Performance (lacht). Nein, das war ein gruseliger Tag, aber da muss man durch. Die guten Spiele überwiegen bei weitem.

Tobias, was wollen Sie noch erreichen in Ihrer Karriere? Kai und Tarik, wie sieht das bei Ihnen aus?

Vonderschmidt: Wir werden Tobias sicher noch bei der EM oder WM sehen.

Stieler: Ich will mich weiter verbessern, gute Leistungen zeigen, alles andere wird die Zeit entscheiden. Wenn die Leistungen nicht stimmen, muss ich mir über die großen Turniere keine Gedanken machen.

vonderschmidt: Bei mir ist seit 2019 der Beruf in den Vordergrund gerückt. Ich habe 23 Jahre dreimal die Woche gepfiffen oder assistiert. Das hat sich gut angefühlt. Aber jetzt ist die Luft raus. Ich bleibe aber dabei, werde versuchen, meine ganze Erfahrung der Schiedsrichtervereinigung als Scout und Pate zur Verfügung zu stellen – wenn der Ball wieder rollt in dieser Pandemiezeit.

Kifle: Ich pfeife alle Spiele auf Kreisebene, für die Michael mich einteilt. Jetzt kommt für mich der gemütliche Teil, wenn ich denn mal wieder auf dem Sportplatz mitwirken darf.

Das Gespräch führte Holger Appel

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