Auch Stiftung Warentest behandelte zuletzt Fake-Bewertungen

Insider packt aus: So werden auf Amazon Bewertungen gefälscht

Stiftung Warentest Bericht: Wir haben bei Amazon-Fake-Bewerter nachgehakt
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Stiftung Warentest Bericht: Wir haben bei Amazon-Fake-Bewerter nachgehakt
  • vonLucas Maier
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Stiftung Warentest: Bei Amazon und Co. verlassen sich viele Käufer auf die Bewertungen. Die sind aber oft Fake. Wir haben bei einem Bewerter nachgefragt.

  • Stiftung Warentest*: So läuft das mit den Fake-Bewertungen bei Amazon und Co. ab 
  • Stiftung Warentest untersuchte allerdings nur die Agentur-Bewertungen - hier sind nicht alle Fake 
  • Hna.de hat exklusiv mit einem Fake-Bewerter gesprochen - dieser kommt auch ohne Agentur aus 
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Update vom Freitag, 26.06.2020, 18.45 Uhr: Stiftung-Warentest hat Agenturen unter die Lupe genommen, die für ihre Kunden gefälschte Produktbewertungen bei Amazon platzieren. Auch ein Insider aus Kassel hat berichtet, wie man an Aufträge für Fake-Bewertungen auf Amazon kommt. Kann man deshalb den Bewertungen bei Amazon gar nicht vertrauen?

Amazon sagt klar Nein! Eine Amazon-Sprecherin teilt mit, dass es das Ziel sei, missbräuchliche Bewertungen zu unterbinden. Und das am besten bereits, bevor sie veröffentlicht werden. Daran arbeite der Online-Händler verstärkt mit technischem Einsatz.

Fake-Bewertungen bei Amazon: Wöchentlich werden mehrere Millionen Bewertungen überprüft

„Unser Ziel ist es, sicherzustellen, dass Kunden authentische und relevante Bewertungen vorfinden, damit sie besser informierte Kaufentscheidungen treffen können. Dafür setzen wir leistungsstarke Programme des maschinellen Lernens und erfahrene Prüfteams ein, um wöchentlich mehr als 10 Millionen Rezensionen zu analysieren“ sagt die Amazon-Sprecherin.

Fake-Bewertungen bei Amazon: Das rät der Online-Händler seinen Kunden

Amazon empfiehlt seinen Kunden deshalb auch, wenn sie an der Glaubwürdigkeit der auf einem Produkt hinterlassenen Rezensionen zweifeln, den Link „Missbrauch melden“ zu klicken, der unterhalb jeder Rezension verfügbar ist. „Auf diese Weise können wir nachforschen und notwendige Maßnahmen ergreifen“, so die Pressesprecherin.

Stiftung Warentest überprüft Fake-Bewertungen bei Amazon: So funktioniert es

Erstmeldung vom Donnerstag, 25.06.2020, 15.23 Uhr: Kassel/Deutschland - Stiftung Warentest hat sich in einem ihrer letzten Tests sogenannten Fake-Bewertungen gewidmet, wie sie unter anderem beim Internet-Riesen Amazon vorkommen. Die Experten von Stiftung Warentest haben sich bei sieben verschiedenen Agenturen angemeldet, um herauszufinden, was hinter der Welt der Bewertungen steckt. Aber es geht auch ganz ohne Agentur, hierzu haben wir einen der Fake-Bewerter persönlich befragt. 

Stiftung Warentest: So kommt man an die Fake-Aufträge für Bewertungen bei Amazon und Co. 

Die Experten von Stiftung Warentest haben sich anonym bei sieben Agenturen angemeldet, die Fake-Bewertungen für Amazon und Co. verfassen. Zu den Agenturen kamen die Tester durch Recherche im Netz. Die Tester haben sich bei diesen Agenturen angemeldet: 

  • slicethepie.com
  • lutendo.com
  • empfohlen.de
  • rezendo.com
  • testerjob.net
  • fivestar-oms.net
  • shopdoc.de

Die Tester der Stiftung Warentest verfassten bei jeder Agentur sechs Fake-Bewertungen. Bei manchen der Agenturen durften die Bewerter die Produkte behalten, manchmal durften sie die bewerteten Produkte billiger kaufen. Die meisten Bewertungen mussten die Tester für die Plattform Amazon verfassen.

Allerdings gab es auch Fälle, in denen die Tester der Stiftung Warentest die Produkte zur Bewertung nicht einmal ausprobieren durften. Die zu bewertenden Produkte wurden von den Agenturen für den jeweiligen Tester freigegeben. 

Stiftung Warentest: Das sind die Voraussetzungen für eine Fake-Bewertung bei Amazon und Co. 

Damit die Tester von Stiftung Warentest ihre Fake-Bewertungen abgeben durften, war zumeist ein Konto beim Online-Händler Amazon vonnöten. Einmal freigegeben, mussten die Tester nur noch den Anweisungen der Agenturen folgen. Zumeist musste das Produkt regulär bei Amazon gekauft werden. Sobald es eingetroffen war, konnte die Bewertung verfasst werden. Die Agentur überprüfte diese dann. Die Experten wurden oft darauf hingewiesen, dass sie mindestens vier Sterne zu vergeben hätten, damit die Rezension von der Agentur anerkannt wird.

Bei shopdoc.de und empfohlen.de wurde laut Stiftung Warentest anders vorgegangen. Hier waren die Bewertungen kein Fake. Beispielsweise mussten die Tester hier Fragen zu dem Streamingdienst von Amazon beantworten. Bei testerjob.net und lutendo.com wurden die Experten, im Gegensatz dazu, sogar direkt aufgefordert, ihre Bewertungen auf 4 oder 5  Sterne zu erhöhen. Die Erstattung der Kosten erfolgte hier erst nach der Abnahme der Fake-Bewertungen durch die Agentur. slicethepie.com wollte, dass Bewertungen anhand von Fotos gemacht werden. 

Stiftung Warentest: Ähnlich wie bei Amazon hat auch ein Fake-Shop Bewertungen für die Tester erworben 

Aber auch die Käufer-Seite der Fake-Bewertungsszene wurde von Stiftung Warentest näher beleuchtet. Ähnlich wie bei Anbietern auf Amazon hatte ein Onlineshop-Besitzer für den Test der Stiftung Warentest Fake-Bewertungen geshoppt. Insgesamt wurden von diesem 120 Fake-Bewertungen für dessen Google-Profil gekauft. Der Tester verwendete hierfür vier verschiedene Agenturen. Diese Agenturen wurden angefragt: 

  • wecomblue.com
  • star-builder.com
  • bewertungsdoc.com 
  • lutendo.com 

Bei allen vier Agenturen kostete eine Fake-Bewertung etwa zehn Euro. Ob Händler bei Amazon dieselben Konditionen bekommen, kann nicht gesagt werden. Bei den meisten Agenturen wurden die Bewertungen nur in Paketen verkauft. Also mehrere Fake-Bewertungen für einen Festpreis. Für den Test-Shop der Stiftung Warentest gab es bis Ende Mai 49 Bewertungen auf Google. Elf dieser Bewertungen wurden im Laufe der Zeit wieder gecancelt. Sie waren wahrscheinlich dem Google-Algorithmus, der nach Fake-Bewertungen sucht, aufgefallen. Die meisten der Bewertungen wirkten täuschend echt. 

Stiftung Warentest: Fake-Bewertung bei Amazon und Co. erkennen 

Um Fake-Bewertungen bei Amazon und Co. besser auf die Schliche kommen zu können, hat Stiftung Warentest einige Punkte zusammengetragen, die man beachten kann. Hier die wichtigsten auf einen Blick: 

AugenmerkGute Bewertungen sind häufiger gefälscht als schlechte. Also lieber ein Auge auf die schlechteren Bewertungen werfen. Gerade Häufungen von Problemen weisen auf Mängel hin. 
Wer?Hinter jeder Bewertung steht im besten Fall eine Person. Oft kann man, wie bei Amazon, deren Profil einsehen. Wenn man hier das Bewertungsverhalten der Person begutachtet, fallen eventuell schon Ungereimtheiten auf. 
InhaltNicht von Bewertungen in die Irre führen lassen! Die positive Bewertung einer schnellen Lieferung, hat erstmal nichts mit der Produktqualität zu tun. 
Verteilung Wenn die Bewertungen sich zu einer gewissen Zeit stark häufen und überwiegend gut sind, kann dies auch ein Indiz für Fake-Bewertungen darstellen. 
Amazon Amazons Choice Produkte erwecken den Anschein, als seine sie unabhängig untersucht worden, um diese Bewertung zu erhalten. Doch das Label wird nur auf Grundlage eines Algorithmus berechnet. Also Vorsicht!
Stars und Sternchen Bei Amazon wird bei den Produkten immer eine Anzahl an Sternen angegeben. Diese erweckt den Anschein, den Durchschnitt aller Bewertungen darzustellen. Doch auch dieser Wert beruht auf einem Algorithmus. Einige der Kriterien des Algorithmus können durch Fake-Agenturen beeinflusst werden, laut Stiftung Warentest. 

Ergänzung zu Stiftung Warentest: Ein Fake-Bewerter hat uns erklärt, wie das Ganze auch ohne Agentur funktioniert 

Der Test von Stiftung Warentest hatte sich nur auf Fake-Bewertungen von Agenturen bezogen. Dass es auch ohne geht, verriet uns ein Tester (Name der Redaktion bekannt), der bereits Fake-Bewertungen bei Amazon vergeben hat. Da Amazon gezielt nach solchen Bewertern sucht, möchte der Tester nicht, dass sein Name genannt wird. 

Anders als die Experten von Stiftung Warentest, kam er zu den Angeboten über die sozialen Netzwerke. Hier gibt es beispielsweise auf Facebook verschiedene Gruppen in denen Aufträge für Fake-Bewertungen zu finden sind, so der anonyme Bewerter. Wenn einem ein Produkt gefällt, schreibt man einfach den Anbieter im Social Media an und erhält dann die Konditionen für den jeweiligen Auftrag. "Ähnlich wie bei dem Test von Stiftung Warentest müssen hier die Produkte auch zuerst erworben und bezahlt werden", so der Insider. 

Ergänzung zu Stiftung Warentest: Amazon-Fake-Tester packt aus

Bei den Angeboten, die Stiftung Warentest nicht betrachtete, die es neben Facebook beispielsweise auch auf Telegram in gewissen Channels gibt, sind die Anforderungen aber oft höher. Oft wird eine Mindestanzahl an abgegeben Bewertungen gefordert. Außerdem ist laut dem Tester das Vorgehen genauer vorgegeben. Je nach Anbieter erhält man verschiedene Zeitspannen, die bei den Fake-Bewertungen eingehalten werden müssen. Beispielsweise muss man nach Erhalt der Ware oft mehrere Tage warten, bevor meine Bewertung veröffentlichen kann. Laut unserem Informanten dient dies vor allem dem Schutz des eigenen Amazon-Kontos. Es dürfen auch nicht mehrere Bewertungen an einem Tag erfolgen.

Anders als bei den von Stiftung Warentest getesteten Agenturen, erhält man bei dieser Methode immer die Amazon-Produkte und darf sie nach der (Fake-)Bewertung auch behalten. "Im Normalfall bekommt man hier allerdings keine Bezahlung für die Bewertung, sondern bekommt quasi das Produkt umsonst", so der Insider. Dafür ist man allerdings auch gezwungen, 5 Sterne zu geben. Oft wird man laut dem Tester auch dazu verpflichtet, eine gewisse Länge in der Bewertung einzuhalten. Manchmal sind sogar bestimmte Wörter vorgegeben, die enthalten sein müssen. Für Fotos in der Bewertung bekommt man oft ein paar Euro obendrauf. 

Ergänzung zu Stiftung Warentest: So teuer sind Produkte mit Fake-Bewertung bei Amazon 

Anders als im Test von Stiftung Warentest haben wir bei unserem Insider der Amazon-Fake-Bewertungsszene auch nach moralischen Aspekten gefragt. Der Tester hat bereits die verschiedensten Produkte auf Amazon bewertet. Preislich lagen die von ihm bestellten Produkte zwischen 5 und 100 Euro. Auf die Frage, ob der anonyme Tester es moralisch für vertretbar hält, Bewertungen abzugeben, die nicht objektiv sind, sagte er gegenüber unserer Redaktion: "Tatsächlich habe ich noch nie ein Produkt bewertet, das objektiv betrachtet wirklich immens schlechter als die geforderten fünf Sterne war." 

Hätte er die Produkte objektiv bewerten müssen, wäre laut dem Fake-Tester, keines der Produkte schlechter als 4 Sterne bewertet worden. Er hat auch eine einfache Begründung für die moralische Vertretbarkeit der Bewertungen, denn sollte ein Produkt seh viel schlechter als die geforderte Bewertung sein, würde es ja keinen Sinn ergeben, dafür seinen Amazon-Account aufs Spiel zusetzen, da ja das Produkt an sich die Bezahlung darstellt. Sollte ein Produkt also nicht den Ansprüchen unseres Testers entsprechen, würde dieser es zurück an Amazon schicken und dadurch sein Geld wieder bekommen. Ob er es wirklich tun würde, können wir an dieser Stelle nicht überprüfen. 

Stiftung Warentest: Auch Lebensmittel Tests in letzter Zeit 

Die Stiftung Warentest hat sich in letzter Zeit natürlich nicht nur mit Fake-Bewertungen auf Amazon* und Co. beschäftigt. Hierbei konnte eine bestimmte Marke überzeugen. 

Auch Lebensmittel testete die Stiftung Warentest* in letzter Zeit. Hierbei kamen auch verschiedene Mineralwasser auf den Prüfstand. 

Stiftung Warentest testete zuletzt auch Kopfhörer. Das sind die besten Modelle mit Bluetooth-Verbindung.

Video: Hotel Bewertungen ebenso Fake wie bei Amazon? 

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Die Stiftung Warentest hat zuletzt Bluetooth Boxen getestet. Im Test 2020 kamen so 12 neue Geräte in die Datenbank von Stiftung Warentest. 

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