Amoklauf: Psychiater stellt Gutachten in Frage 

Stuttgart - Im März hatte Tim K. 15 Menschen ermordet. Lange hieß es, dass der Amokläufer von Winnenden masochistische Fantasien hatte. Ein Gegengutachten stellt das jetzt in Frage.

Die “Masochismus-Theorie“ des Stuttgarter Psychiaters Reinmar du Bois zum Amokläufer von Winnenden gerät ins Wanken. Nach einem Gegengutachten des Tübinger Psychiaters Peter Winckler hatte der 17-Jährige Tim K., der am 11. März an seiner ehemaligen Schule in Winnenden und auf der Flucht 15 Menschen und sich selbst erschoss, keine masochistischen Störungen. Winckler sieht das Motiv vor allem in der “sozialen Unbeholfenheit“ von Tim K. und dem hohen Erwartungsdruck des Vaters.

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Opferanwalt Jens Rabe bestätigte am Montag einen entsprechenden Bericht von “stern.de“. Das Dilemma, stets der Beste sein zu wollen und zugleich zu versagen, habe für eine “explosive Mischung“ gesorgt. An diesen Widersprüchen “könnte Tim K. schließlich innerlich zerbrochen sein“. Das zweite Gutachten war von Rabe in Auftrag gegeben worden. “Tim K. war ein zwischen Selbstzweifeln und Allmachtsfantasien schwankender Jugendlicher“, sagte er. Die “Perversions-Theorie“ von du Bois sei nicht haltbar. Du Bois war für eine Stellungnahme nicht zu erreichen.

Verhandlung ungewiss

Laut Rabe könne nur ein Prozess den tatsächlichen psychischen Zustand des Amokläufers ans Licht bringen. Ob es in dem Fall überhaupt zu einer Verhandlung kommt, ist ungewiss. Die Stuttgarter Staatsanwaltschaft hat bislang noch nicht abschließend entschieden, ob sie eine Anklage gegen den Vater des Amokläufers erhebt oder einen Strafbefehl beantragt.

Gegen den Vater wird wegen fahrlässiger Tötung ermittelt, weil Tim K. seine Waffe und Munition benutzt hatte. Die Waffe hatte im Schlafzimmer-Kleiderschrank der Eltern gelegen. Du Bois war in seinem Bericht zu dem Schluss gekommen, dass Tim K. sexuelle Fantasien gehabt habe, in denen er sich von Frauen derart gequält sah, dass er diese irgendwann nur noch durch “aggressive Gegenhandlungen“ zu beherrschen glaubte, beispielsweise durch das “reale Abschießen scharfer Munition“. Erst in dem Bewusstsein, dass er die Frauen eines Tages dafür bestrafen werde, habe er sich auf diese Fantasien einlassen können.

Hilferuf von Tim K.

Tim K. hatte im Frühjahr 2008 eine Art Hilferuf ausgesendet: Weil er spürte, dass etwas mit ihm auf quälende Weise nicht stimmte, recherchierte er im Internet die Symptome psychischer Krankheiten und kam zu der Selbstdiagnose, dass er möglicherweise an einer “bipolaren Störung“ leide, also manisch-depressiv ist. Tim K. wandte sich damit an seine Mutter: Er wolle sich in Behandlung begeben. So kam er nach Weinsberg in die Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie führte dort mehrere Gespräche mit einer Therapeutin. Tim K. sah sich im Internet massiv Szenen von Frauen an, die von Männern gedemütigt wurden.

dpa

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