Interview

„Die Behörden sind auf den Ernstfall vorbereitet“

Wie gefährlich ist das Virus, wie kann man sich gegen eine Ansteckung schützen? Fragen unseres Berliner Korrespondenten Holger Eichele an den Virologen Prof. Thomas Mettenleiter, Präsident des Friedrich-Loeffler-Instituts, des Bundesforschungsinstituts für Tiergesundheit auf der Ostsee-Insel Riems.

In Mexiko breitet sich ein neues Grippevirus aus, weltweit melden immer mehr Länder erste Verdachtsfälle. Wie bedrohlich ist die Situation?

Zur Stunde ist das nur schwer einzuschätzen. Wir beobachten zwei unterschiedliche Szenarien: In Nordamerika sind die meisten Infektionen milde verlaufen, keiner der etwa 20 Erkrankten ist verstorben. Dagegen werden aus Mexiko mehr als 1000 Infizierte gemeldet und mehr als 100 Tote. Bei etwa 20 davon wurde das neue Virus nachgewiesen.

Wie groß ist die Gefahr einer Pandemie, also einer weltweiten Ausbreitung?

Aus mehreren Staaten werden Verdachtsfälle gemeldet - ein Hinweis darauf, dass sich das Virus offenbar ausbreitet. Doch abgesehen vom Großraum Mexiko-Stadt ist es bislang nirgendwo zu einer explosionsartigen Ausbreitung gekommen. Wir werden die nächsten Tage sehr genau beobachten, wie schnell das Virus tatsächlich von Mensch zu Mensch weitergegeben wird, erst dann wird sich abschätzen lassen, ob eine Pandemie droht. Eine entscheidende Frage ist auch, ob nicht die Immunität, die viele Menschen bereits gegen das gewöhnliche Grippevirus aufgebaut haben, teilweise auch gegen das neue Virus schützt.

Was macht diese Form der Schweinegrippe so gefährlich?

Der Begriff Schweinegrippe ist irreführend. Dieses Virus besitzt zwar genetische Merkmale von Schweineviren, ist aber noch nicht beim Schwein gefunden worden. Wir sprechen nicht von einer Tierseuche, sondern von einem humanen Influenza-Virus. Das in Mexiko und den USA festgestellte Virus ist völlig neu und in dieser Genkonstellation noch nie aufgetreten. Deshalb sind bei den Menschen keine hochwirksamen Antikörper vorhanden - das macht die Sache so gefährlich.

Wie wird das Virus zwischen Menschen übertragen?

Grundsätzlich müssen wir davon ausgehen, dass sich das Virus genauso ausbreitet wie jedes andere menschliche Influenza-Virus auch - also durch Tröpfcheninfektion beim Husten oder Niesen, aber auch ein Händedruck kann da schon ausreichen.

Wann wird es einen Impfstoff geben?

Es wird sicher mehrere Monate dauern, bis ein spezifischer Impfstoff genau gegen diesen Virus-Typ entwickelt ist. Womöglich haben aber auch jene Impfstoffe eine schützende Wirkung, die während der jährlichen Grippe-Saison verwendet wurden. Aber dazu haben wir noch keine Erkenntnisse.

Die Spanische Grippe von 1918 bis 1920 mit mindestens 25 Millionen Toten ist auf denselben Subtypen zurückzuführen. Ist eine ähnliche Pandemie heute in Europa noch vorstellbar?

H1N1-Viren zirkulieren seit der Spanischen Grippe. Ob das Mexiko-Virus zu einer Pandemie führen kann, ist unklar. Eine weltweite Pandemie mit Millionen Toten ist unter den allerschlimmsten Voraussetzungen nicht auszuschließen, aber andererseits ist die moderne Notfallmedizin nicht mit den damaligen Verhältnissen vergleichbar. Die Gesundheitsbehörden sind auf den Ernstfall vorbereitet und wissen, was zu tun ist.

Weltweit verschärfen die Staaten ihre Sicherheitsmaßnahmen. Was kann Deutschland tun?

Auch in Deutschland gibt es für den Ernstfall entsprechende Maßnahmenkataloge. Derzeit werden Reisende, die aus Risikogebieten kommen, an den Flughäfen informiert. Ansonsten gilt: Bei schwerer Grippe sollte unbedingt ein Arzt aufgesucht werden. Was die Vorbeugung betrifft, kann ich nur den Ratschlag geben, den jeder Arzt geben würde: Auf die Hygiene achten und öfter mal die Hände waschen - darauf sollte man immer achten, nicht nur jetzt.

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