Der neue Dutroux: Serienmörder schockiert  Belgien

Brüssel/Löwen - Es geht um spurlos verschwundene Mädchen und einen Folterkeller. Um verstümmelte Leichen, die in Plastiksäcken gefunden werden.

Wer diese grauenhaften Details in Belgien hört, denkt sofort an den verurteilten Kinderschänder Marc Dutroux, der in den 90er Jahren das kleine Königreich mit seinen Morden an jungen Mädchen in kollektive Trauer stürzte. Doch dieses Mal ist es nicht Dutroux, sondern ein anderer Vergewaltiger und Serienmörder, der das Land vor Entsetzen lähmt. Sein Name beherrschte am Dienstag die Schlagzeilen der belgischen Zeitungen: Ronald Janssen. Wie so oft in der Kriminalgeschichte ist es ein Unbekannter - diesmal ein braver Familienvater und Pädagoge - der bis vor wenigen Tagen völlig unbescholten war. Gerade deswegen ist die Öffentlichkeit so geschockt über “Ronny, den beliebten Lehrer“.

Er war der nette Nachbar um die Ecke, 38 Jahre alt, unterrichtete technisches Zeichnen und hatte zwei Töchter. Seine inzwischen geschiedene Frau hat ihn einmal wegen sexueller Gewalt angezeigt - auch das gab noch keinen Hinweis auf perverse Störungen. “Niemand, der ihn kannte, zweifelte an ihm“, sagte der Staatsanwalt von Löwen, Ivo Carmen. Charmant und gesellig sei der Lehrer gewesen. “Ich habe niemals gesehen, dass er hinter Mädchen her war“, sagte Janssens Mutter der Brüsseler Zeitung “Capitale“. Der Anwalt der Eltern eines Opfers beschrieb ihn als “einen Mann, mit dem man seine Tochter gerne abends ausgehen lässt.“ Doch seine Bilanz ist furchtbar: Mindestens drei junge Leute hat Janssen getötet, das hat er selbst gestanden.

Die Staatsanwaltschaft geht davon aus, dass noch mehrere Sexualmorde auf sein Konto gehen. Auch eine 16-Jährige aus dem niedersächsischen Vechta könnte 1996 sein Opfer geworden sein. Sein Motiv war vermutlich sexuelle Lust. “Er ist ein neues Monster, der ganz Belgien traurig macht“, schreibt die Zeitung “La Dernière Heure“. Von einem “zweiten Dutroux“ ist die Rede. Die neuesten Entdeckungen stürzen das Land in Selbstzweifel und gipfeln in der Frage: “Ist Belgien ein Refugium der Serienmörder?“. Wie so häufig war es Zufall, der die Sache ins Rollen brachte. Nach dem gewaltsamen Tod eines Pärchens im belgischen Loksbergen (Provinz Limburg) am Neujahrstag geriet der Nachbar Janssen unter Verdacht. Bei den Verhören gab er schließlich einen Doppelmord zu. Er gestand, das Paar erschossen und ihren Wagen angezündet zu haben, um die Spuren zu verwischen. Als Motiv gab Janssen nach Worten seines Anwalts an, er habe sich von dem jungen Mann “belästigt“ gefühlt und sich in jener Nacht einfach “vergessen“.

Schon diese Tat bewegte die belgische Bevölkerung, rund 1200 Menschen kamen zur Beerdigung des Paares am Samstag. Doch einmal in Fahrt, packte Janssen aus. Und plötzlich stehen mehrere ungelöste Kriminalfälle der vergangenen Jahre aus ganz Belgien vor der Aufklärung. Da ist Annick, 2007 nach einer Party in Diest nicht weit von Loksbergen spurlos verschwunden. Die 18-jährige wurde zufällig zum Opfer: Wie ein Jäger sei er in dieser Nacht “auf der Suche nach Beute“ ziellos durch die Straßen gefahren, sagte Janssen nach Angaben seines Anwalts in seinem Geständnis. Als er Annick im Dunkeln auf ihrem Fahrrad sah, hielt er sie an, zwang sie in seinen Wagen und vergewaltigte sie im Keller seines Hauses.

Ihre Leiche wickelte er in einen Plastiksack, den er mit Steinen beschwerte und in einen Kanal warf. Peinlich für die Ermittler war, dass ein Zeuge damals einen Hinweis auf Janssen gab, man diesem aber nicht nachging. Und dann sind da noch Ingrid, Tamara und ein Mädchen aus Vechta in Niedersachsen. Die Deutsche verschwand 1996 während des Urlaubs mit ihren Eltern im belgischen Strandbad De Haan und wurde später tot gefunden. Die Polizei suchte vergebens nach einem jungen Mann mit ostdeutschem Akzent - eine falsche Spur. Und was geschah mit Ingrid, 26, die 1991 in Heist-aan-Zee erstochen wurde und mit Tamara, 27, die 2006 in Aarschot verschwand? Auch sie, glauben die Ermittler, haben vermutlich den Weg des Lehrers gekreuzt.

dpa

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