Papstbesuch: Benedikt punktet mit klaren Worten

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Die Gläubigen winken Papst Benedikt XVI zu, als er am Sonntag im Papamobil in Birmingham zu einer Messe fährt.

London - Angekündigt war eine schwierige Reise des Papstes in ein Land, das von ihm kaum etwas wissen wolle. Doch Benedikt XVI. ließ sich bei seinem Besuch in Großbritannien nicht beirren. Er fand klare Worte zum Missbrauchsskandal und formulierte deutlich seine Botschaft.

In der Westminster Kathedrale geißelt er den sexuellen Missbrauch als “unbeschreibliches Verbrechen“. Ein paar Schritte entfernt in der Westminster Hall schreibt das Oberhaupt von weit mehr als einer Milliarde Katholiken der britischen Politik dies ins Stammbuch: Religion korrigiert Vernunft, muss “Gesprächspartner“ sein. Und tags darauf dann in der Nähe von Birmingham der Aufruf des Papstes, für Frieden und Versöhnung in der Welt zu arbeiten. Benedikt XVI. hat bei seinem viertägigen Staatsbesuch in Großbritannien, einer Hochburg säkularen und atheistischen Denkens, klare Zeichen gesetzt.

Da ist vor allem der Skandal ohne Ende, der Joseph Ratzinger belastet und seine Kirche schwerstens beschädigt hat. “Ich denke an das ungeheure Leiden, das durch den Missbrauch von Kindern verursacht wurde, besonders wenn es in der Kirche durch ihre Diener geschah“, sagt er. Martin Brown, 34, aus Guildford in Surrey, hat der Papst jedenfalls überzeugt: “Das war eine prima Entschuldigung, er schien das auch zu meinen, was er sagte, es tat ihm echt leid.“ Kurz danach traf sich der 83-jährige deutsche Pontifex - einmal mehr - mit Menschen, die in ihrer Jugend hinter Kirchenmauern missbraucht worden waren. Opferverbände, denen das Eingeständnis Benedikts nicht weit genug ging, fragten später, wer die Fünf eigentlich ausgewählt hat.

Manchen Kritikern dürfte Benedikt damit dennoch etwas Wind aus den Segeln genommen haben. Vor diesem ersten Staatsbesuch eines Papstes bei den Briten hatte sich so mancher wohl gefragt, was für einen Sinn diese Reise überhaupt haben könnte - zu einer kühlen bis desinteressierten säkularen Gesellschaft, den Missbrauchsskandal als Ballast im Gepäck. Und mit der Frage auf dem vatikanischen Spickzettel, wie es denn mit dem problematischen Verhältnis zu den Anglikanern weitergehen könnte.

Aber Joseph Ratzinger kommt mit einer Botschaft. Sonnengebräunt von den italienischen Wochen in seiner Sommerresidenz Castel Gandolfo bringt er sie an, während vier frühere Premierminister ihm zuhören: “Religion ist ein äußerst wichtiger Gesprächspartner im nationalen Diskurs.“ Wenig später benutzt Premierminister David Cameron, der während der Rede Benedikts wegen der Beerdigung seines Vaters nicht zugegen war, fast die gleichen Worte.

Gerade die Länder, die doch großen Wert auf die Toleranz legen, sollten Religion und vor allem das Christentum nicht immer mehr an den Rand drängen, sagte der Papst. Es gibt keine richtige Politik ohne den Glauben, heißt das - gegen Finanzskandal, Klimakrise oder Armut. Solche Worte kommen auch bei der britischen Staatskirche, der protestantischen Church of England gut an. Die Anglikaner hatten sich unter König Heinrich VIII. von Rom losgesagt, der Vatikan warb zu ihrem Unmut zuletzt um Konvertiten.

Benedikt zeigt die Gelassenheit dessen, der in Gott vertraut. Etwa, als Terroralarm in London herrscht und die Zeitungen schon schreiben, Islamisten wollten wohl den Papst ermorden. Benedikt weicht nicht von seinem Programm ab, er lässt sich von Zehntausenden begeistert feiern, die auf seinem Weg zum Hyde Park die Straßen von London säumen, Fähnchen schwenken und winken. Hatte er mit so viel Zuspruch überhaupt gerechnet? Vatikan-Sprecher Federico Lombardi zog eine positive Bilanz. Und macht nicht viel Aufhebens um die 10.000 Anti-Papst-Demonstranten: “Das hat weder überrascht noch geschockt.“

Szenenwechsel für den nach langer Urlaubspause ausgeruhten Mann aus Rom: Als Höhepunkt am Schluss der nur vom Regen getrübten Messe in Birmingham ruft Benedikt dazu auf, den vielen Konflikten in der Welt mit einer Politik des Friedens und der Versöhnung zu begegnen. Und er erinnert an die vor sieben Jahrzehnten von Nazi-Deutschland eröffnete Luftschlacht um England. Der Papst wendet sich dabei nicht nur an die versammelten Katholiken, sondern an alle Briten - und darüber hinaus. Er will so Hoffnung vermitteln, sucht den Dialog und einen Hebel für seinen Glauben in einer stark vernunftorientierten, multikulturellen Gesellschaft. Ob es dafür nicht zu spät ist, ist eine andere Frage.

Von Hanns-Jochen Kaffsack und Michael Donhauser

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