Drei Tote in Großbritannien

Europa: Schnee-Chaos vor Ostern

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Kiew ist Schnee gewohnt, aber so heftig hat es die Ukrainer besonders im März länger nicht erwischt.

London/Kiew - Nicht nur in Deutschland bibbern Millionen Menschen aufgrund des Spätwinters. In der Ukraine muss sogar das Militär eingreifen und auf Großbritannien frieren tausende ohne Strom.

Mit eisiger Gewalt und einem halben Meter Neuschnee meldet sich der Winter in der ukrainischen Hauptstadt Kiew zurück. Das Chaos in der Ex-Sowjetrepublik ruft sogar 2000 Soldaten und rund ein Dutzend Panzer auf den Plan. Weil die Millionenstadt in Kiew im Schnee versinkt, haben die Behörden Ausnahmezustand verhängt. Das bedeutet auch, dass es für die Menschen an diesem Montag einen freien Tag extra gibt - damit sich niemand verletzt.

„Innerhalb eines Tages sind mehr als 24 Millionen Tonnen Schnee in Kiew gefallen. Das ist ein Ereignis, das es innerhalb der letzten 100 Jahre nicht gab“, sagte der Chef der Stadtverwaltung, Alexander Popow, in einer Videobotschaft. 7000 Stadtangestellte waren zum Schneeschippen im Einsatz.

Der Schneesturm brachte den Straßenverkehr in der Stadt mit den drei Millionen Einwohner komplett zum Erliegen brachte. Es war Präsident und Oberbefehlshaber Viktor Janukowitsch, der den Einsatz des Militärs anordnete. Die Schützenpanzer sollten helfen, Lastwagen abzuschleppen.

Zwar hatte der Wetterdienst vor der Sturm gewarnt. Bürger klagten aber, die Behörden seien auf die Schneemassen nicht vorbereitet gewesen. Die Opposition um Boxweltmeister Vitali Klitschko fordert den Rücktritt der Stadtverwaltung. „Die derzeitige Kiewer Regierung muss gemeinsam mit diesem Schnee gehen“, teilte Klitschko mit.

Überall bildeten sich kilometerlange Staus. Viele genervte Autofahrer ließen ihre Fahrzeuge stehen und nutzten die Metro. Die U-Bahn verkehrte als einzige noch, sogar häufiger als sonst, um das erhöhte Aufkommen zu schaffen.

Kiewer nehmen Situation mit Humor

Besonders betroffen war das auf Hügeln liegende Stadtzentrum von Kiew. Hunderte Autos blieben liegen. Fußgänger halfen immer wieder, Autos zu schieben. Einzig die Umgebung einiger Behördengebäude, wie das des Geheimdienstes der Ex-Sowjetrepublik, war vom Schnee befreit worden. Im Botschaftsviertel räumten Angestellte den Schnee auf den Bürgersteigen selbst.

Einige Kiewer nahmen die Situation mit Humor. Im Internet tauchten Videos mit Snowboardabfahrten auf. Die Autoren dankten für die ungeräumten Straßen. Andere wiederum fuhren auf der schneebedeckten Prachtstraße Kreschtschatik mit Skiern. Im Abendprogramm reagierte ein nationaler Fernsehsender flexibel und zeigte statt James Bond den Katastrophenfilm „The Day After Tomorrow“.

Schwere Winterschäden in Großbritannien - drei Tote

In Großbritannien sieht die Lage ähnlich aus. Drei Tote, Felsstürze und ganze Inseln ohne Strom: Der Winter hat Großbritannien kurz vor dem Osterfest noch einmal völlig unerwartet in den Würgegriff genommen. Heftige Winde, Temperaturen unter dem Gefrierpunkt und Schneeverwehungen verwandelten viele Regionen am Wochenende in Winterlandschaften. Züge und Flüge fielen aus, auf den Autobahnen bildeten sich Staus, nachdem sich die Feuchtigkeit in gefährliches Glatteis verwandelt hatte. „Es taut tagsüber und über Nacht friert das Wasser zu gefährlichem Eis“, sagte ein Sprecher des Wetterdienstes MeteoGroup.

In Burnley in der Grafschaft Lancashire starb ein 27-Jähriger auf dem Heimweg von einem Pub, als er in hohem Schnee stecken blieb. In Schottland kam ein 57-Jähriger nicht von einer Bergtour zurück. Der Bergrettungsdienst warnte vor Touren bei Schneetreiben und Nebel. Bereits am Freitag war in Südengland eine Frau in den Trümmern ihres Hauses ums Leben gekommen, das von einem Erdrutsch mitgenommen worden war. Der Wetterdienst MeteoGroup sagte am Sonntag voraus, das Winterwetter werde vorerst anhalten.

In Dover an der englischen Kanalküste stürzte ein Teil der weltberühmten weißen Kreidefelsen ein, nachdem Wasser in das Gestein eingedrungen und dann aufgefroren war. In Nordirland und Schottland waren Zehntausende für bis zu drei Tage ohne Strom, nachdem umstürzende Bäume und auf den Kabeln festgefrorenes Eis die Masten zum Einsturz gebracht hatten. Die Probleme hatten am Freitagabend in der nordirischen Hauptstadt Belfast zu Stromausfällen für 200 000 Menschen geführt.

In Cumbria, im Westen Englands, mussten am Sonntag 26 Schulkinder aus einem Ferienlager in Sicherheit gebracht werden. Das Lager war von der Außenwelt abgeschlossen, die Vorräte drohten zu Ende zu gehen. In der Nacht zum Samstag befreiten in der gleichen Gegend Rettungskräfte 70 Autofahrer aus ihren Fahrzeugen, die in Schneewehen stecken geblieben waren.

Auch der Sport war betroffen. Neben Pferderennen musste das Fußball-WM-Qualifikationsspiel Nordirland gegen Russland abgesagt werden. Der Rasen des Stadions in Belfast konnte nicht rechtzeitig in bespielbaren Zustand versetzt werden. In Wales mussten Ärzte und Pflegekräfte mit Geländewagen zum Dienst im Krankenhaus gefahren werden, weil Straßen für herkömmliche Autos unpassierbar waren.

Leibgarde der Queen trotzt den Temperaturen

Die Leibgarde der Queen trotzte den Temperaturen.

Mehrere Zugstrecken und die Flughäfen in Leeds/Bradford und Humberside blieben bis zum Sonntag geschlossen. Die Flüge wurden teils umgeleitet. An den großen Londoner Flughäfen, wo nur wenig Schnee gefallen war, lief der Betrieb am Sonntag ohne Zwischenfälle weiter.

Vor dem Buckingham Palast trotzte die Leibgarde der Queen den frostigen Temperaturen. Befehlsgemäß mussten die Wachsoldaten am Samstag um 8.00 Uhr morgens ihre grauen Wintermäntel gegen die roten Sommerröcke tauschen. Wenigstens die Bärenfellmützen mögen gegen die Kälte geholfen haben.

dpa

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