Droht ein Währungschaos?

London - Weltweit drehen Länder an der Währungsschraube - auf Kosten anderer. Die Ungleichgewichte verschärfen sich. Experten sehen den Welthandel in Gefahr.

Die Warnungen vor einem internationalen Währungskrieg mit unübersehbaren Folgen für die Weltwirtschaft werden immer lauter. Der Chef des Internationalen Währungsfonds (IWF) befürchtet weltweit einen Abwertungswettlauf, durch den sich einzelne Länder Handelsvorteile verschaffen wollten. “Es beginnt sich die Ansicht zu verbreiten, dass Währungen als politische Waffe eingesetzt werden können“, sagte IWF-Chef Dominique Strauss-Kahn der “Financial Times“ (FT/Mittwoch). Dies könne die globale Konjunkturerholung ernsthaft bedrohen.

Experten sehen ein Währungschaos. Auch langfristig seien die Folgen negativ und könnten großen Schaden anrichten, warnte der IWF-Chef vor der IWF-Jahrestagung Ende dieser Woche in Washington. Die Europäer, aber vor allem die USA, verlangen von China eine Aufwertung seiner Währung. Japan hält den Yen gegenüber dem Dollar für überbewertet und geht dagegen vor. Brasilien, dessen Finanzminister Guido Mantega vor einem “Währungskrieg“ warnte, kämpft mit Kapitalverkehrsbeschränkungen gegen die weitere Aufwertung der heimischen Währung. Schon erwägen weitere Länder wie Südkorea ähnliche Beschränkungen.

Wegen der Schwäche des Dollar zieht es viele Anleger in die stark wachenden Schwellenländer. Dort wächst der Aufwertungsdruck zum Nachteil der exportorientierten Unternehmen. Der IWF-Chef wies in dem FT-Interview auf Berichte hin, wonach einige Schwellenländer mit starken ausländischen Kapitalzuflüssen meinten, “es sei vielleicht Zeit, um sich mit Hilfe ihre Währungen Vorteile, speziell im Handel, zu verschaffen“. “Ich denke nicht, dass dies eine gute Lösung ist“, warnte er. Insbesondere China wird von den USA seit Jahren vorgeworfen, mittels einer künstlich unterbewerteten Währung seine Ausfuhren zu verbilligen.

Auch die Europäer machen jetzt zusehends Druck. Mehrere EU-Spitzenpolitiker, darunter auch Bundeskanzlerin Angela Merkel, forderten diese Woche am Rande des Europa-Asien-Gipfels in Brüssel, dass sich Peking bewegen müsse. Die USA brachten im Währungsstreit inzwischen schon Strafzölle gegen chinesische Produkte auf den Weg. Aus Sicht des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) gefährdet besonders dieser Streit die Weltwirtschaft. “Ein Handelskrieg zwischen beiden Ländern würde einen herben Rückschlag für die Konjunktur bedeuten“, erklärte DIW-Ökonom Georg Erber am Mittwoch. Nach Berechnungen des Peterson Instituts für Internationale Wirtschaft (IIE) in Washington D.C. ist die chinesische Währung zwischen 15 und 40 Prozent unterbewertet. Auch Deutschland drohe wegen schnell steigender Importe eine Schuldenfalle im China-Handel. “Noch profitieren wir aufgrund hoher Exporte vom Handel mit China - das kann sich aber schnell ändern.“

In dem globalen Währungsstreit werden allerdings die USA von Experten als Auslöser gesehen. Ihre beispiellos expansive Geldpolitik zur Stützung der US-Konjunktur, der US-Finanzen und des Bankensystems birgt nach ihrer Auffassung großen Gefahren. Sie schwäche anhaltend den US-Dollar und überflute die Märkte mit billigem Geld. Viele Währungen von Schwellenländern, aber auch der Exportnation Japan, verteuerten sich deshalb stark. Strauss-Kahn sprach mit der “Financial Times“ noch vor der Ankündigung der japanischen Notenbank in dieser Woche, ihre Geldpolitik angesichts der Schwäche der heimischen Wirtschaft zusätzlich zu lockern. Ein Hauptgrund dieses Schrittes ist der starke Yen, den Japan bereits mit umfangreichen Deviseninterventionen zu bekämpfen versucht hat. Mit diesem Vorgehen hat sich Tokio teils harsche Kritik eingefangen.

Der Euro stieg als Reaktion gegenüber den wichtigsten Währungen. Zur US-Währung schnellte er auf ein Achtmonatshoch und liegt inzwischen über 1,38 Dollar. Exporte aus Europa werden in Richtung Dollarzone teurer; allerdings wickelt das Euroland einen großen Teil seines Außenhandels untereinander ab. Zudem verbilligen sich wichtige Importe, die in Dollar abgerechnet werden, wie das Öl. Noch hält sich die Europäische Zentralbank (EZB) zurück. Dennoch dürfte das Währungsthema eines der wichtigen Themen auf der EZB- Ratssitzung an diesem Donnerstag in Frankfurt sein. Merkel sagte am Dienstag auf dem Europa-Asien-Gipfel in Brüssel, für die G20-Staaten könne “die Zukunft einer Währungsordnung auf der Welt mit realen Wechselkursen“ ein wichtiger Schwerpunkt im kommenden Jahr werden. Frankreich übernimmt im November die Präsidentschaft der wichtigsten Industrie- und Schwellenländer (G20). Präsident Nicolas Sarkozy will die Reform des internationalen Währungssystems zu einem Kernpunkt machen.

dpa

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