Not treibt Portugal in Kriminalität und Bordelle

Lissabon - Die täglich wachsende Not treibt in Portugal schlimme Blüten. Nach der Kirche warnt auch die Polizei vor einer Revolte. Bei einem Streik machen viele ihrem Ärger Luft.

In der einstigen “Friedensoase“ Portugal brodelt die Wut. Nicht nur den Armen unter den traditionell friedliebenden Portugiesen platzt angesichts von Krise und Kürzungen der Kragen. “Die (Spar-)Maßnahmen der Regierung sind Terrorismus“, schimpfte am Donnerstag bei einer Protestkundgebung am Rande des Generalstreiks der bekannte Anwalt Garcia Pereira. In dem Land, in dem 1974 die Demokratie mit roten Nelken in den Gewehrläufen erobert wurde, gab es bisher - anders als etwa in Griechenland - keine Unruhen. Doch die täglich wachsende Not hat immer schlimmere Konsequenzen.

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Sozialarbeiter und Sicherheitsexperten warnen, die Sparwut der Regierung und die Not im hoch verschuldeten Portugal treibe immer mehr Menschen in die Kriminalität. “Gewaltverbrechen überziehen das Land im Krisenschlepptau“, titelte die renommierte Zeitung “Público“. Die Sicherheitsbeobachtungsstelle OSCOT berichtete, dass allein die Lebensmitteldiebstähle im ersten Halbjahr um 42 Prozent zugenommen hätten. “Wir gehen davon aus, dass nicht nur die Kleindelikte, sondern auch die Gewaltverbrechen noch weiter ansteigen werden“, meint OSCOT-Präsident José Manuel Anes.

Die Angst geht inzwischen auch in Provinznestern um, in denen man bis vor wenigen Jahren keinen Türschlüssel benötigte. Dort werden vor allem ältere, allein lebende Menschen immer häufiger überfallen. Ana Teixeira hatte keine Chance. Als sie die Klingel hörte und die Haustür öffnete, schob sie der Mann sofort zu Boden. “Der Räuber nahm zwei Halsketten und Armbänder mit, ich habe nichts mehr“, klagt die 81-Jährige aus dem Lissabonner Arbeiter-Vorort Charneca.

Es gibt aber auch erste Berichte von Lynchjustiz. Im verschlafenen nordportugiesischen Polvoeira etwa prügelten mehr als hundert Menschen jüngst vier Räuber bewusstlos.

Nicht nur die Kriminalität nimmt im ärmsten Land Westeuropas zu. Auf einem Seminar in Porto warnten Experten Mitte der Woche, dass immer mehr verzweifelte Mütter in die Prostitution rutschten, um ihre Familien zu ernähren. Noch nie habe es in Portugal so viele Bordelle und Sexanzeigen gegeben. “Sex ohne Kondom wird schon für 20 Euro angeboten“, sagte die Wissenschaftlerin Aline Santos.

Die Regierung räumte diese Woche ein, dass auch die Zahl der Auswanderer mit der Krise in die Höhe schieße. Akademiker, aber auch Hilfsarbeiter nehmen Reißaus. “Im Gegensatz zu früher gehen jetzt auch 50-Jährige ins Ausland, es gibt ja keine Arbeit“, sagte der für die Auslandsportugiesen zuständige Staatssekretär José Cesario unumwunden.

Freiwillige, die Obdachlosen helfen, wie Jorge Santos, erzählen unterdessen: “Wir finden auf den Straßen immer mehr Menschen, immer mehr, und darunter erstmals auch welche, die bis vor kurzem gut gelebt haben, wie Unternehmer und Anwälte.“

Nach der Kirche, die unter anderem vor einem “Blutbad“ warnte, machen sich inzwischen auch die Polizeichefs Sorgen wegen “möglicher Revolten“. Nach Ansicht des früheren sozialistischen Staatschefs Mario Soares könnte sogar die “Demokratie in Gefahr sein“.

Regierungschef Pedro Passos Coelho räumte auf seiner Facebook-Seite ein, er bekomme tausende Mitteilungen “verzweifelter Bürger“. Und obwohl nicht nur die Gewerkschaften, sondern auch einflussreiche Kollegen in seiner liberal-konservativen Sozialdemokratischen Partei (PSD), wie etwa Präsident Anibal Cavaco Silva und die “Eiserne Lady“ und Ex-Präsidentschaftskandidatin Manuela Ferreira Leite von Passos, wachstumsfördernde Maßnahmen fordern, will Coelho die Sparschraube nicht lockern. “Vertraut mir“, fordert er. Eisenbahn-Gewerkschaftler Sergio Monte ist allerdings pessimistisch: “Es herrscht Empörung und Panik“.

dpa

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